INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR

Weshalb greifen Sie noch einmal das Thema Asyl auf?

FERNAND MELGAR: Anlässlich der Diskussionen im Anschluss an Vorführungen von La Forteresse war ich verblüfft, wie stark die Zuschauer die dramatischen Konsequenzen ignorieren, die sich aus den konstanten Verschärfungen der Asyl- und Ausländergesetze für die direkt betroffenen Menschen ergeben. Ich glaube, dass die Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr wissen, warum sie abstimmen. Der Populismus der SVP-Kampagnen macht sie blind und schürt die Xenophobie. Bei den Schulvorführungen hat sich herausgestellt, dass der Begriff Asylbewerber für die Mehrheit der Jugendlichen ein Synonym für Straffälligkeit und Sozialmissbrauch ist. Entsprechend sind für sie Inhaftierung und Ausschaffung eine logische Konsequenz. Es erschien mir wichtig, in einem neuen Film die verkannte Realität der Administrativhaft und der gewaltsamen Ausschaffungen zu zeigen.

VOL SPECIAL thematisiert auch das Schicksal von Sans-Papiers…

FM: In der Schweiz leben 150'000 Sans-Papiers. Die grosse Mehrheit von ihnen arbeitet, zahlt Steuern und Beiträge in die Sozialversicherungen. Sie kümmern sich um ältere Leute, betreuen unsere Kinder, putzen unsere Wohnungen und unsere Spitäler. Ohne sie müssten nicht wenige Hotels und Baustellen infolge Mangels an billigen Arbeitskräften schliessen. Asylbewerber, auf deren Gesuch nicht eingetreten wurde, und Sans-Papiers haben eines gemeinsam: Sie leben alle mit einem Damoklesschwert über ihrem Kopf. Jeden Moment können sie angehalten und eingesperrt werden, für Monate oder Jahre, mit dem Ziel, sie aus der Schweiz auszuschaffen, ohne Prozess. Oder sie werden absurderweise freigelassen, nur um einige Monate später erneut aufgegriffen zu werden. Ich will und muss die im Empfangszentrum Vallorbe (La Forteresse) entstandene Arbeit weiterführen, um diesen Weg der Balance zwischen Hoffnung und Verzweiflung besser zu verstehen, der das Schicksal so vieler Migranten prägt.

Wie sind Sie auf das Gefängnis von Frambois gekommen ?

FM: Während der Dreharbeiten zu La Forteresse freundete ich mich mit Fahad an, einem jungen, mit dem Tod bedrohten irakischen Übersetzer, der in der Schweiz Schutz suchte. Unmittelbar nach der Ablehnung seines Antrags wurde er verhaftet und in Ausschaffungshaft genommen. Als ich ihn in Frambois besuchte, wurde ich mit einer Angst konfrontiert, die ich in unserem Land bis dahin noch nie gesehen hatte. Fahad erzählte mir von seinen Gefährten im Unglück: Unschuldige Männer, deren Leben durch die Verhaftung zerstört war. Von ihren Kindern getrennte Väter, illegale Arbeiter in von jahrelanger Arbeit geschundenen Körpern und junge, suizidgefährdete Männer. Alle gebrochen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Sie alle wurden wie Verbrecher behandelt, obwohl ihr einziges Vergehen darin bestand, nicht im Besitz einer Schweizer Aufenthaltsbewilligung zu sein. Einige von ihnen waren seit Monaten eingesperrt, obwohl ihre Heimatländer mit der Schweiz kein Rückübernahmeabkommen abgeschlossen hatten. Sie waren der Willkür einer kantonalen Immigrationsbehörde ausgeliefert. Einige Monate später war ich Zeuge der schockierend brutalen Abschiebung Fahads mit einem Ausschaffungsflug. Sechs Zürcher Polizisten erschienen mitten in der Nacht in seiner Zelle, fesselten ihn und nahmen in mit. Er wurde misshandelt und erniedrigt und litt für lange Zeit an den psychischen und physischen Folgen.

Wie kamen Sie zur Drehgenehmigung für diesen Ort?

FM: Frambois ist ein gemeinsames Zentrum für Administrativhaft der Kantone Genf, Neuchâtel und Waadt. Ich nahm mit den zuständigen Staatsräten Kontakt auf und gewann nach langen Diskussionen ihr Vertrauen. Sie sind der Meinung, dass La Forteresse eine nützliche öffentliche Diskussion ermöglicht hat und sie halten es für notwendig, diese Arbeit um die Themen Asyl und Migration jenseits eines populistischen Diskurses weiterzuführen. Ich erhielt von ihnen und von der Verwaltung von Frambois die notwendigen Bewilligungen, um uneingeschränkt sowohl den Alltag in Frambois als auch den juristischen Apparat und die Arbeit der betroffenen Kantonspolizei zu filmen.

Wie haben Sie die Insassen dazu gebracht, sich Ihnen gegenüber zu öffnen?

FM: Ich verbrachte vor Beginn der Dreharbeiten viel Zeit in Frambois. Dabei lernte ich auch die Insassen kennen und mit der Zeit gewann ich ihr Vertrauen. Sie fühlten sich rebellisch und von der Aussenwelt vergessen und fast alle waren bereit, im Film mitzuwirken. Sie wussten, dass sich dadurch ihre individuelle Situation nicht verändern würde. Aber sie konnten sich auf diesem Weg Gehör verschaffen und von einer Situation erzählen, die sie als unfair betrachteten.

Und das Personal von Frambois ?

FM: Der Direktor von Frambois war sofort einverstanden und ermutigte sein Team, das Projekt zu unterstützen. Er hat es sogar gegenüber seinen Vorgesetzen verteidigt. Gefängnisaufseher erscheinen oft in einem negativen Licht. Er selbst ist aber der Meinung, dass diese Aufseher eine wichtige Arbeit für die Gesellschaft in einem sehr schwierigen Umfeld ausführen. Der Film war für ihn die Gelegenheit, ihre Arbeit zu präsentieren. Was das Personal betrifft, hat sie meine objektive Einstellung in La Forteresse motiviert, im Film mitzuwirken.

Welcher Moment während der Dreharbeiten hat Sie am stärksten geprägt?

FM: Wir verstanden uns mit fast allen Insassen sehr gut. Wir verbrachten mehrere Monate mit ihnen und kannten ihre Geschichte, ihre Familien und ihre Ängste. Als die Polizei nach Frambois kam, um sie in einem Ausschaffungsflug abzuschieben, waren wir zwar mit unserer Kamera dabei, aber verabschieden konnten wir uns nicht von ihnen. Die letzten verzweifelten Blicke verfolgen mich noch heute.

Warum zeigen Sie in Ihrem Film keine Bilder von gefesselten Insassen, oder davon, wie sie mit Gewalt ausgeschafft werden?

FM: Die Haft ist Sache der Kantone, während die Ausschaffungsflüge in die Zuständigkeit des Bundesamtes für Migration (BFM) fallen. Entsprechend habe ich beim BFM um die Erlaubnis gebeten, die Insassen auch am Flughafen filmen zu können, bevor sie mit Ketten gefesselt an Bord gebracht werden. Zunächst erhielt ich aber keine Antwort. Nach mehrmaligem Nachfragen teilte mir die Pressestelle des BFM mit, dass es aufgrund einer Bundesverordnung verboten sei, einen Menschen in einer erniedrigenden oder entwürdigenden Situation zu filmen. Diese Antwort fand ich absurd, besonders angesichts der Tatsache, dass mir die zu Deportierenden die Erlaubnis gegeben hatten. Ich verlangte eine Kopie dieser Verordnung. Darauf warte ich heute noch.

Dabei hatte Ihnen das BFM die Drehbewilligung für LA FORTERESSE noch erlaubt…

FM: Richtig. Aber zu meinem grossen Erstaunen informierte mich der Kommunikationschef des BFM, mittlerweile die rechte Hand von Bundesrätin Widmer-Schlumpf, dass er sehr bedauere, mir damals die Dreherlaubnis zu La Forteresse gegeben zu haben.

Wissen Sie, was aus den ausgeschafften Insassen geworden ist?

Nach jedem Ausschaffungsflug riefen wir sie an um zu erfahren, wie die Reise war. Alle ihre Aussagen waren überwältigend. Nicht nur fühlten sie sich aus der Schweiz hinausgeworfen wie Abfallsäcke, sie litten auch unter den physischen und psychischen Folgen der Erfahrungen. Einige wurden von der Polizei ihrer Heimatländer verhaftet oder ausgeraubt, manchmal vor den Augen der mitgereisten Schweizer Vertreter. Wir entschieden uns daraufhin, sie in ihrer Heimat zu besuchen und ihr Leben nach der Deportation zu filmen. Diese Portraits sind als Web-Dokumentarfilm zu sehen, koproduziert von RTS und ARTE.